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Wie man biblische Überlegungen anstellt

Herausgegeben von K. Zellweger in Bibellesehilfe_1 · 5/11/2010 15:59:46

Auszug aus einem Essay von Thomas Parr

Wie man biblische Überlegungen anstellt
(bzw. die richtigen Schlussfolgerungen zieht)


„Öffne mir die Augen, damit ich sehe die Wunder in deinem Gesetz!“ (Psalm 119,18)


1.\tKenne dich in der Bibel gut aus.
2.\tKenne den Zusammenhang, den geschichtlichen Hintergrund sowie die ursprüngliche Absicht hinter den speziellen Versen, die du anwenden willst.
3.\tZeige auf, dass es berechtigt ist den Text auf die heutige Situation anzuwenden.
4.\tVersuche, so viel wie möglich über ein Thema aus der Gegenwart zu erfahren.
5.\tAchte darauf, dass du keiner klaren Aussage der Schrift widersprichst.
6.\tLass die Bibel sich selbst auslegen und Anwendungen finden.
7.\tBitte um die Erleuchtung des Heiligen Geistes


1. Kenne dich in der Bibel gut aus
Als schlechtes Beispiel dien ein Mann, der einmal voller Überzeugung behauptete, dass König Salomon ein Afrikaner war. Er begründete dies mit einer Aussage im Hohelied Salomos: „Schwarz bin ich“(1,5). Verwirrt dich das, weil du weißt, dass Salomo Davids und Bathsebas Sohn war (die beide semitischer Abstammung waren)? Lies den Abschnitt selbst durch. Auch wenn du ihn nur flüchtig liest, solltest du  ohne Probleme erkennen, dass diese Aussage nicht von den Lippen Salomos, sondern von denen seiner Verlobten kam. Ausserdem scheint der Zusammenhang des Abschnittes darauf hinzudeuten, dass jemand ganz einfach von der Sonne gebräunt war. Dieser Mann dachte wahrscheinlich, da das Buch den Titel „Das Hohelied Salomos“ trägt, dass jedes Wort darin von Salomo selbst stammt. Er nahm ausserdem an, dass die Wörter in der Bibel nur die Bedeutung haben, die er ihnen auf den ersten Blick hin zuschrieb. Diese zwei Irrtümer wurden von jemandem gegangen, der mit der bibel nicht vertraut war. Ein Mensch, der die Schrift nicht kennt, sollte keine Schlussfolgerungen ziehen. Wollte er es doch versuchen, würde er meistens damit falsch liegen.

2. Kenne den Zusammenhang, den geschichtlichen Hintergrund sowie die ursprüngliche Absicht hinter den speziellen Versen, die du anwenden willst
Viele haben die biblische Aussage von 1. Mose 31,49 verwendet, um jemanden, den sie lieben und der für einige Zeit fern von zu Hause sein wird, zu trösten. „Der Herr wache zwischen mir und dir, wenn wir einander nicht mehr sehen!“  Klingt sehr geistlich und tröstend. In ihrem ursprünglichen Zusammenhang hatten diese Worte jedoch eine ganz andere Bedeutung. Es sind die Worte, mit denen sich Laban an Jakob wandte und mit denen er zum Ausdruck bringen wollte: „Möge der Herr dich im Auge behalten, wenn ich es nicht kann.“ Eine sorgfältige Untersuchung des Zusammenhangs zeigt auf, dass diese Worte von einem argwöhnischen und habgierigen Mann gesprochen wurden, der Angst hatte, dass Jakob ihn ausnützen würde. Wenn du den Zusammenhang eines Abschnittes missverstehst, dann führt dies dazu, dass du Gott missverstehst und Dinge glaubst, die nicht von ihm stammen, sondern in Wirklichkeit deiner eigenen Vorstellung entsprungen sind. In diesem Fall ist das keine theologische Katastrophe. Wenn es aber zur Angewohnheit wird, die Schrift zu verwenden, ohne den geschichtlichen Hintergrund und Zusammenhang zu beachten, kann das katastrophal sein. Es gibt viele wichtige christliche Lehren, die man nur dann verfechten kann, wenn man den Verlauf der Argumentation eines Abschnittes bewertet. Wenn du dich nie bemühst, diese Argumentation zu verfolgen, wirst du einige der kostbarsten Schätze der Bibel niemals entdecken können und möglicherweise verhängnisvolle Irrtümern erliegen.

3. Zeige auf, dass es berechtigt ist den Text auf die heutige Situation anzuwenden
Matthäus 7,1 „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“, ist wahrscheinlich einer der Verse in der Bibel, der am häufigsten falsch angewendet wird, weil die Leute nicht verstehen, warum er überhaupt ausgesprochen wurde. Deswegen sind sie nicht in der Lage zu erkennen, wie er in der heutigen Zeit rechtmässig anzuwenden ist. Leute verwenden ihn, um denen zu widersprechen, die moralisch bewertende Aussagen machen. Und oft folgt dieser Anwendung ein höhnisches „Wer gibt DIR das Recht, MICH zu kritisieren?“ Kann man aufzeigen, dass diese Anwendung berechtigt ist?
Auf was weist der Zusammenhang hin? Vers 1 gibt die Anordnung, dass wir nicht richten sollen. Vers 2 nennt einen Grund dafür, nicht zu richten: du wirst mit demselben Massstab gerichtet werden, mit dem du andere richtest. Wenn jemand nur bis zu dieser Stelle liest, wäre er durch nichts von der falschen Auslegung, die im vorhergehenden Absatz erwähnt wurde, abzubringen. „Keiner hat das Recht, einen anderen zu richten, weil wir alle Sünder sind; und es wird unsere Lage nur verschlimmern, wenn wir Leute richt.“
Aber der logische Verlauf dieses Abschnittes endet nicht mit Vers 2. Jesus fährt fort und stellt mehrere Punkte klar. Vers 3-5 legen im Wesentlichen das, dass es unmöglich ist, einen geringfügigen Fehler im Leben eines anderen in rechter Weise zu korrigieren, wenn man selbst mit einem viel grösseren behaftet ist. Dies gibt uns einen Hinweis darauf, an wen sich Jesus mit dieser Erläuterung bezüglich des Richtens wendet. Er wendet sich damit an diejenigen, die total unempfindlich sind, was die massiven geistlichen Probleme (Baken) in ihrem eigenen Leben angeht, während sie überempfindlich auf die geringfügigen Probleme (Splitter) im Leben anderer reagieren. Vers 5 befiehlt dir sogar, die Probleme anderer zu richten – aber erst, nachdem du dein eigenes Leben in Ordnung gebracht hast. Somit wird die falsche Aussage, die häufig gemacht wird, durch den Zusammenhang ausgeschlossen. Jesus befiehlt Menschen, die aufgrund von Sünden nicht mit Gott wandeln, das Richten zu unterlassen, da es ihre Lage nur verschlimmern würde. Bringe zuerst dein eigenes Leben in Ordnung und dann wirst du klar sehen können, um andere in rechter Weise zu richten, ohne dich selbst zu verurteilen.
Aus diesem Grund ist Mt. 7,1 nicht an jemanden gerichtet, der moralische Unterscheidungen ausübt. Jesus richtet diese Aussage an die Menschen, die allzu kritisch sind und die Fehler im Leben anderer richten und verurteilen, ohne ihre eigenen zu sehen.

4. Versuche, so viel wie möglich über ein Thema aus der Gegenwart zu erfahren
Beispiel Rauchen. Es ist erforderlich, medizinische Zusammenhänge korrekt zu verstehen, dass es für den Körper schädlich ist. Ohne diese medizinische Erkenntnis ist eine Argumentation gegen das Rauchen schwierig. Um über ein Thema Bescheid zu wissen, muss man ausserdem oft den geschichtlichen Hintergrund der Situation richtig begreifen (was beispielsweise notwendig ist, wenn man das Phänomen der Rockmusik bewerten will). Darüber hinaus muss man, wenn man ein Thema ganz und gar verstehen will, unbedingt wissen, wie es in der heutigen Gesellschaft gesehen wird. Häufig ist dies einer der ersten Schritte, bevor man überhaupt einen bestimmten Abschnitt in der Bibel auslegt oder Argument in der Bibel zu einem Thema sucht.

5. Achte darauf, dass du keiner klaren Aussage der Schrift widersprichst
Zum Beispiel fordert die Schrift Gottes Volk wiederholt dazu auf, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden (Mt. 7, 15-16; 1. Kor. 2,15; Eph. 5,10; 1. Thess. 5,21) Demzufolge widerspricht jeder, der behauptet, dass Matthäus 7,1 das Unterscheiden verbietet, diesen klaren Aussagen. Die Pharisäer in Markus 7, 10-13 hatten eine sehr geistlich klingende Regel, wie sie Geldmittel dem Herrn weihten, sodass sie diese nicht für ihre alten, bedürftigen Eltern aufwenden mussten. Obwohl jene Mittel dem Herrn geweiht waren, befanden sie sich immer noch im Besitz der ursprünglichen Eigentümer und wurden von ihnen verwendet. Menschen gebrauchen somit Geld in selbstsüchtiger Weise unter dem Deckmantel der Hingabe zu Gott, während ihre vernachlässigten Eltern Not litten. Dadurch klang die Regel der Pharisäer geistlich, aber in Wirklichkeit missachteten und übertraten sie dadurch Gottes Gebot, Vater und Mutter zu ehren.

6. Lass die Bibel sich selbst auslegen und Anwendungen finden
Die überzeugendsten Folgerungen und Anwendungen sind diejenigen, die von deutlichen Parallelstellen in der Bibel unterstützt werden. Erinnere dich, dass bei der Diskussion mit den Sadduzäern in Matthäus 22 die Schlussfolgerung, die von 2. Mose 3,6 gezogen wurde, viel leichter verstanden und akzeptiert werden kann, wenn sie im Zusammenhang mit 1. Mose 17,8 und 5. Mose 1,8 gesehen wird. Beachte ausserdem, wie 1. Kor 3,17 verstärkt, was 1. Kor 6,19-20 in Bezug auf das Rauchen sagt.

7. Bitte um die Erleuchtung des Heiligen Geistes
Ohne das Wirken des Geistes Gottesm der uns Verständnis schenkt, werden wir Wahrheit nie begreifen. Glaube nie, dass errettete Menschen es nicht benötigen, um die Erleuchtung des Heiligen Geistes zu bitten. Im Alten und Neuen Testament war Gottes Volk immer in dieser Weise von Gott abhängig (Ps. 119,27; Eph. 1,15-18). Ohne den Dienst des Geistes Gottes sind wir geistliche Schwachköpfe (1. Kor. 2,14); also flehe Gott an: „Öffne mir die Augen, damit ich sehe die Wunder in deinem Gesetz!“ (Psalm 119,18).


Beständiges und beharrliches Forschen in der Bibel ist notwendig, um korrekt von der Schrift zu folgern. Diejenigen, die mit dem ganzen Ratschluss Gottes nicht vertraut sind, werden unweigerlich zu dürftigen Schlussfolgerungen gelangen. Glücklicherweise kann die Vertrautheit mit der Schrift jedoch zunehmen; und durch regelmässiges Lesen von Gottes Wort und inniges Gebet wird die Weisheit unseres Wandels auf dem Weg des Wortes beständig zunehmen!

Jos 1,8b …denn dann wirst du Gelingen haben auf deinen Wegen, und dann wirst du weise handeln!







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